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Alinbu Blog Alles in Butter!

Ätna einer der aktivsten Vulkane der Welt

Als ich Mitte Februar inklusive Wochenende fünf Tage am Stück ohne Termine in meinem Kalender fand habe ich mich kurzfristig dazu entschlossen, diese zum Rückzug zu nutzen, um mein Training zum Thema "Requirements Engineering" weiter auszubauen.

Rückzug ja, aber gern ausserhalb der eigenen vier (Büro-)Wände. Das ist dem Fokus dienlich und ja, wieso sollte ich nicht dazu einfach in etwas mildere Regionen flüchten? Dass ich nun hier am Ätna gelandet bin, ist eher den Angeboten zu verdanken und daher eher Zufall. Ein glücklicher! Klar! Ich wollte schon immer mal den Ätna sehen, doch daß das im Rahmen dieser Gelegenheit sein wird, hätte ich nicht gedacht!

Donnerstags kam ich kurz vor Mitternacht also in meiner Herberge in Linguaglossa an. Weder beim Anflug, noch bei meiner Ankunft am Rande des Nationalreservats Ätna habe ich etwas vom Berg sehen können. Dazu war es einfach zu dunkel und der Vulkan speiht derzeit kein Feuer. Umso schöner und beeindruckender war es dann, Mamma Ätna (wie ihn die Einheimischen verehren) am Morgen bei strahlend blauem Himmel zu erblicken:

 

Mit seinen derzeit 3340 Metern ist Mamma Etna schon ein atemberaubender Anblick! Mein Ziel ist erreicht, ich bin gefühlt in einer anderen Welt und der Fokus auf die Überarbeitung meines Requirements Engineering Trainings klappt hervorragend.

Am Samstagmorgen allerdings, da habe ich mir einen halben Tag Auszeit gegönnt. Schliesslich ist es Wochenende :). Um 9 holte mich also Edigio mit seinem Geländewagen ab. Er lebt hier mit seiner Frau und zwei Töchtern. Wenn er nicht Touristen seinen Berg zeigt, ist er auf dem Ätna bis nach oben zu Fuß unterwegs oder unternimmt im Winter dort Skitouren und ist in der Bergrettung aktiv. Das touristisch erschlossene Skigebiet ist nichts für ihn. "Too many people from the beach" meint er in einem guten, doch vom italienischen Akzent geprägtem Englisch.

Edigio ist benannt nach San Edigio, so erklärt er mir. Dem Schutzpatron von Linguaglossa. Ihm wird nachgesagt, er hätte einmal einen Lavastrom nur mit einem Stock aufgehalten und so die Ortschaft vor der Zerstörung gerettet. Und mit dieser Erläuterung werden mir alte Lavaströme gezeigt, die teilweise kurz vor der Ortschaft halt machten und teilweise die halbe Ortschaft vernichteten.

Wut, Ärger, Zorn, Verzweiflung ist dabei jedoch in keinster Weise zu spüren! Seine Beziehung zu Mamma Etna ist voller Liebe. "She brings uns life ... just look around how quick nature brings back vegetation on the lava." Und das gilt nicht nur für die Natur, sondern auch für die Menschen. Ein paar verlassen natürlich auch die Region, wenn ihr Besitz einem Lavastrom zum Opfer fällt, doch in der Regel wird alles wieder auf der erkalteten Lava aufgebaut. Straßen, Häuser, Weinberge, alles. Dazu muss man wissen: Es gibt quasi keine Versicherung, die Vulkanschäden abdecken würde. Eine gäbe es, meint Egidio. In Großbritannien. Die wäre aber nicht zu bezahlen.

Wer sich hier niederlässt, tut das mit der Möglichkeit, dass sein Besitz unter einem Lavastrom begraben wird.

Wieso geht man ein solches Risiko ein? Mir war das bisher ein Rätsel. Doch wenn man die Gegend mit ihrer Schönheit erlebt hat und die Atmosphäre spürt, ist es das nicht mehr. Ich empfinde sie als unglaublich energetisierend. Ein wenig, als hätte ich gerade einen doppelten Espresso getrunken. Mamma Etna ist immer klar und präsent. Ob sie nun tagsüber sichtbar ist oder bei Nacht eben nicht. Man spürt sie. Nicht nur, wenn sie durch Explosionen auf sich aufmerksam macht und die Erde beben lässt. Sie ist ständig präsent. Und all das kommt einem nicht vor wie eine Bedrohung, die einem Angst macht, sondern wie die Wiege neuen Lebens.

Und so präsentierte sie sich am Samstag auch ein wenig aktiver! Große, weisse und breite Dampfsäulen steigen aus den Kratern am Gipfel auf und kaum waren wir aus Linguaglossa auf dem Weg nach oben, durften wir Zeuge einer weiteren kleinen Asche-Explosion werden.

Beeindruckend ist das auf jeden Fall. Und man sollte auch den Respekt nicht verlieren. Doch beängstigend ist es nicht. Egidio nahm mich weiter mit auf Tour. Zu Lavafronten, alten Lavaschloten, in die wir hineinklettern konnten, zu beeindruckenden Aussichtspunkten mit einem Fernblick bis auf das italienische Festland und schließlich zur Talstation des Skigebiets. Ja, auf dem Ätna wird im Winter Ski gefahren!

Das Skigebiet am nördlichen Ätna beginnt bei knapp 1900 Metern. Auch hier ist wieder zu sehen, wie die Einheimischen mit dem Berg leben. Dass seit Samstagmorgen immer wieder kleinere Explosionen aus höhergelegenen Kratern kommen, ist normal. Von Angst ist hier nichts zu merken. Im Gegenteil. Alle freuen sich darüber, dass endlich!! die Pisten geöffnet sind. Das erste Wochenende in diesem Jahr. Auch hier gehören Winter mit Schneesicherheit der Vergangenheit an.

Die Skilifte sind übrigens recht neu. Alles jünger als 2002. Es wurde alles neu gemacht. Die Stelle, an der die Talstation vorher stand, zeigt mir Egidio auch. "Dort drüben, unter dem Lavafluss vom Ausbruch 2002". Diesmal entdecke ich aber ein weinendes Auge. "Im alten Skigebiet bin ich aufgewachsen und habe das Skifahren gelernt. Da sind so viele Erinnerungen an meine Kindheit vernichtet worden." So sehr Mamma Etna neues und frisches Leben schafft, so deutlich lehrt sie, dass man dazu auch das alte loslassen muss. Das scheint hier die Weisheit und die ständige Übung zu sein, die sie uns vermittelt.

Wie das mit dem Haushalt und den Besitztümern ist, frage ich. Richtet man sich so ein, dass man im Fall der Fälle auch alles Wichtige "griffbereit" hat und zügig zusammenpacken kann? Schon, antwortet mir Edigio. Doch man hätte in der Regel auch genug Zeit. Bis die Lavaströme vom Krater bis hinunter in die Ortschaften kommen, vergehen einige Tage. Auch wenn Mamma Etna als aktivster Vulkan der Erde gilt, so sind gefährliche, explosionsartige Ausbrüche mit pyroklastischen Lavinen nicht ihr Stil.

Am Sonntag bin ich dann auch von der Südseite hinauf. Bis 2000m mit dem Auto, dann hoch auf 2600m mit der Seilbahn und von dort aus geht es mit dem Pistenbulli auf 2900m. Nach weiteren 100 Höhenmetern zu Fuß mit einem der Vulkanguides ist man dann erst am Rande eines Flankenkraters und schliesslich auch unten drin. Meine Mütze habe ich bei Minusgraden schmerzlich vermisst. Die Hände lassen sich aber leicht wärmen. Mit dem Schuh die Schneeschicht und die ersten 2-5 cm Lavaasche beiseite schieben, dann die freigelegte Asche in die Hand nehmen. Körperwarm. Einen guten halben Meter tiefer ist die Asche heiss genug für ein Krater-BBQ...

Die Tage mit dem energiereichen Einfluss des Vulkans waren unglaublich produktiv und die Eindrücke wirken immer noch nach. Mamma Etna ist eine Reise auf jeden Fall Wert. Wer Reisetipps möchte, kann sich gern an mich wenden!