Skip to content

Alinbu Blog Alles in Butter!

Führungskräfte und die Extrameile
Über die oftmals undankbare Aufgabe, Führungskraft zu sein

Gerade neulich hatte ich einmal wieder die Gelegenheit mit zwei Führungskräften jenseits von Unternehmen und Workshops zu sprechen. Bei solchen Gesprächen wird mir natürlich auch immer das Leid geklagt und es wird unverblümt über die negativen Seiten des Jobs gesprochen.

Der Stein des Anstoßes

In dem Fall ging das Gespräch über die berühmte „Extrameile“. Die Auftragslage erforderte einen aussergewöhnlichen Einsatz über mehrere Wochen hinweg ohne Unterbrechung, ohne Wochenende, mit 12 Stunden und mehr Arbeitszeit am Tag. Das ist natürlich nicht schön. Leider hat man sich daran auch fast schon gewöhnt.

Der größte Demotivator in dieser Situation war jedoch, dass nach getaner Arbeit der außerordentliche Aufwand und Verzicht vom Unternehmen nicht gewürdigt wurde. Noch nicht einmal ein kleines „Danke“. Die Denke „man ist ja schliesslich Führungskraft und da darf ein aussergewöhnliches Engagement erwartet werden“ besteht im Top-Management nicht selten. In manchen Unternehmen macht sich sogar die Hybris breit, die Mitarbeiter bräuchten das Unternehmen mehr als umgekehrt. Das gilt insbesondere für Unternehmen, die zumindest momentan noch auf der Erfolgswelle reiten.

Ethische Implikationen der Extrameile

Extrameilen. Das sind die Leistungen, die über die Arbeitsvereinbarungen hinaus gehen. Über den normalen Job hinaus gehen. Hinaus geht über die ordentliche Erledigung des Jobs, gewissenhaft und mit Freude. Also eine Erwartungshaltung des Arbeitgebers oder Vorgesetzten mehr zu leisten, als dafür bezahlt wird. So gesehen erst einmal "nur" ein Ungleichgewicht. Diese Forderung entsteht meist aus der oben genannten Hybris, die Mitarbeiter brauchen das Unternehmen mehr als das Unternehmen die Mitarbeiter. Kurz: Diese Wahrnehmung wird gelebt und die gefühlte Überlegenheit ausgenutzt. Das ist rein ethisch gesehen schon nicht in Ordnung. Doch es geht noch weiter.

Die Extrameile und die wirtschaftlichen Folgen

Die Extrameile kann man schlicht nur durch Druck aufbauen. Druck funktioniert nur in Verbindung mit Androhung von Konsequenzen (implizit oder explizit) und damit über Aufbau einer Drohkulisse und von Angst. Niemand würde sich sonst auf Extrameilen einlassen! Was Druck und Angst für Arbeitsleistung und Arbeitsqualität bedeutet, habe ich ausführlicher in einem separaten Blogartikel beschrieben. Unter diesen Konditionen leisten Menschen weniger als ohne Extrameile und das in einer geringeren Qualität - das ist biologisch bedingt.

Die Extrameile kann ganz kurzfristig gesehen und so lange man sich mit Milchmädchenrechnerei abgibt die Illusion erzeugen, sinnvoll zu sein. Doch sie ist es nicht. Sie schadet dem Unternehmen direkt und nachhaltig! Schlimmer noch, dadurch ist sie nicht sinnvoll und macht Mitarbeiter krank.

Die freiwillige Extrameile

Sie sehen das nicht so? Keine ethischen Implikationen, da freiwillig die Extrameile gegangen wird? Sinn ist auch vorhanden, da man vielleicht den Sinn gesehen hat, dass die Extrameile gerade gegangen werden muss? (Ha, erwischt! Wenn sie gegangen werden muss, ist Druck und Unfreiwilligkeit im Spiel.) 

Oder kann von Müssen keine Rede sein, da sie gerade so viel Spaß und Freude haben, dass es gar erfüllend ist? Dann ist es aber keine Extrameile. Denn: Extrameile ist das "Extra" was von einem gefordert wird. Und zwar durch andere. Das hat nichts freiwilliges. Eine freiwillige Extrameile gibt es per Definition daher nicht.

Doch lassen sie uns dennoch einmal diesen Fall beleuchten. Tatsächlich gibt es in sehr gut aufgestellten Teams (zB. in wirklich agil arbeitenden Teams) den Fall, dass dort tatsächlich dafür Sorge getragen werden muss, dass Mitarbeitende nicht freiwillig und aus eigenem Antrieb heraus zu viel Überstunden leisten, obwohl es vom Arbeitgeber anders gewünscht wird. Kennen sie nicht? Sie wollen wissen, wie man dahin kommt? Reden sie mit mir. Man kann nämlich die Sache mit der Extrameile in diese Richtung umdrehen.

Doch zurück: Es ist gut und sinnvoll auch einmal rechts und links zu schauen und das Leben nicht nur aus Arbeit bestehen zu lassen. Wenn die Zeit für das Privatleben, die Familie und Freunde fehlt, dann wird man dort nicht nur etwas verpassen. Es kann durchaus dann zu Problemen in diesen Bereichen kommen. Die Sorgen und Probleme werden sich dann zwangsläufig auch negativ auf die Arbeit auswirken.

Kurz: Auch "freiwillige Extrameilen" sind nicht empfehlenswert. Die Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich kenne nur eine und diese betont immer wieder wie dankbar er seiner Familie ist, so viel Freiraum für seine Unternehmerabenteuer zu haben. Unternehmer? Klar! Auch von Unternehmern werden Extrameilen verlangt. Nicht von Vorgesetzten, dann sind es eben die Kunden. Oder Investoren. Andere Spieler, gleiches Spiel.

Mal rhetorisch gefragt: Kennen sie das auch?

Sind sie Führungskraft und kennen sie das auch mit den von ihnen geforderten Extrameilen? Konnten sie das alles gut nachempfinden? Ziemlich demotivierend, nicht wahr? Hier werden Menschen verbrannt. Ohne dass dabei ein wirtschaftlicher Vorteil entsteht. Völlig sinnbefreit. Hoch destruktiv. Keine Gewinner!

Doch - Hand aufs Herz - wann waren sie das letzte Mal in der anderen Rolle? Wann haben sie als Führungskraft denn zuletzt von ihrem Team verlangen müssen, die Extrameile zu gehen und haben sie sich dafür wenigstens angemessen bedankt, dass ihr Team ihnen damit den Rücken gestärkt hat, um dem Druck beizukommen, unter den sie gesetzt wurden?

Und: Was gedenken sie zu tun, damit die Notwendigkeiten für Extrameilen in Zukunft reduziert wird oder idealerweise gänzlich entfällt?

Wollen sie neue Blogeinträge nicht verpassen? Hinterlassen sie mir einfach ihre Mailadresse!